{"id":181,"date":"2016-09-30T15:53:07","date_gmt":"2016-09-30T13:53:07","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=181"},"modified":"2017-03-07T17:52:20","modified_gmt":"2017-03-07T15:52:20","slug":"herbstdaemmerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2016\/09\/herbstdaemmerung\/","title":{"rendered":"Herbstd\u00e4mmerung"},"content":{"rendered":"<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baerdel3.JPG\" width=\"536\" height=\"573\" alt=\"Baerdel\"><\/div>\n<p>\nDer Sommer war sehr gro\u00df, aber jetzt war es Zeit. Der Herr gab den letzten Fr\u00fcchten noch zwei s\u00fcdlichere Tage, aber dann legte er seinen Schatten auf die Sonnenuhren und lie\u00df die Winde auf den Fluren los.\n<\/p>\n<p>\n\tUnd damit war den in ein Sonett gegossenen Forderungen Rilkes Gen\u00fcge getan, wenn auch nur prosaisch.\n<\/p>\n<p>\n\tB\u00e4rdel schlug das &#8222;Buch der Bilder&#8220;, eine wertvolle bibliografische Ausgabe, zu, kraulte sich den wohlgem\u00e4steten Bauch und blinzelte in die Morgend\u00e4mmerung. Er wartete auf Kulle, den regelm\u00e4\u00dfigen Gef\u00e4hrten seiner Morgenspazierg\u00e4nge, und hatte sich w\u00e4hrenddessen mit der Jahreszeit entsprechender Lyrik unterhalten.\n<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/manf.jpg\" width=\"400\" height=\"300\" alt=\"Manfred\"><\/div>\n<p>\n\tVon Kulle war jedoch noch nichts zu sehen. Stattdessen tauchte Manfred aus der Richtung der Kommunikationszentrale von B\u00e4renleben auf. Die Haare seines sonst sehr gepflegten Pelzes standen wirr in alle Richtungen ab, ein untr\u00fcgliches Zeichen, dass er sehr aufgeregt war. Er war so au\u00dfer sich, dass er seinen Vater \u00fcberhaupt nicht wahrnahm, sondern blicklos an ihm vorbeirennen wollte. Erst dessen Stimme stoppte ihn:\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Manfred!&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Oh, Papa! Ich hab Dich gar nicht&#8230;&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Das war nicht zu \u00fcbersehen. Was ist denn los?&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Die Welt ist aus den Fugen!&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Das ist sie erstens schon lange, und zweitens ist das Zitat falsch: &#8218;The time is out of joint&#8216;, sagt Hamlet.&#8220; B\u00e4rdel hatte erkennbar seine literarische Stunde, aber seine Reaktion regte Manfred nur noch mehr auf.\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Dann redet Hamlet Quatsch! Zeit und Raum sind a priori, das kannst Du bei Kant nachlesen, und k\u00f6nnen gar nicht aus den Fugen sein! Aber die Welt&#8230;&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Was findet Du denn gerade so schlimm?&#8220; B\u00e4rdel merkte, dass Manfreds Gem\u00fctszustand mit Bildungsb\u00e4rentum nicht beizukommen war.\n<\/p>\n<p>\n\tManfred fasste sich tats\u00e4chlich: &#8222;Ich habe mir die Nacht um die Ohren geschlagen und das erste Fernsehduell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump verfolgt, und ich war entsetzt. Zwei Menschen im Greisenalter, als Pr\u00e4sidentschaftskandidaten von ihren jeweiligen Parteien nominiert, reden aneinander vorbei. Clinton hat jahrzehntelange Politikerfahrung, vielleicht ein Konzept, aber bestimmt kein Charisma, ihre Reaktionen sind einstudiert, ihre Antworten auswendig gelernt. Trump hat Geld und Selbstbewusstsein, aber kein Selbstbewusstsein &#8211; wei\u00dft Du, was ich meine?&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\tB\u00e4rdel nickte. &#8222;In der deutschen Sprache gibt es da keine Differenzierung. Trump ist self-confident, aber nicht self-conscious. Er ist selbstsicher, aber er ist sich seiner selbst nicht bewusst.&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Danke, genau das meine ich. Er l\u00fcgt erkennbar, aber er scheint das gar nicht zu merken. Er ist unbeherrscht. Und er hat von Politik und Wirtschaft keine Ahnung.&#8220; Manfred holte tief Luft. &#8222;Ich verstehe nicht, dass Demokraten und Republikaner keine besseren Kandidaten gefunden haben. Und ich verstehe schon gar nicht, dass m\u00f6glicherweise Trump am achten November zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt wird.&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\tB\u00e4rdel w\u00fcnschte sich jetzt dringend seinen Freund Kulle herbei, der weniger als er von Literatur verstand, dabei aber um so mehr von Politik. Von Kulle war allerdings immer noch nichts zu sehen. Also fing er mit den einfacheren Erkl\u00e4rungen an.\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;In Dehland werden politische Spitzenkandidaten auch von ihren Parteien nominiert, genau wie in den USA, aber anders als in den USA bezahlen die Parteien auch den Wahlkampf. In den USA muss jeder Kandidat um Spenden werben und\/oder seine Ausgaben aus eigener Tasche bezahlen, und deshalb gibt es im Wahlkampf meist nur reiche Menschen, wie Clinton, oder Superreiche, wie Trump.&#8220;\n<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle5.jpg\" width=\"440\" height=\"330\" alt=\"Kulle\"><\/div>\n<p>\n\t&#8222;Die beiden gro\u00dfen Parteien in den USA sind nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df. Sie verstehen sich immer noch als Vertreter der WASPs, der White Anglo-Saxon Protestants, die nach der Gr\u00fcndung der USA die intellektuell, wirtschaftlich und politisch dominierende Schicht stellten. Auch wenn die Demokraten vorgeben, sich f\u00fcr African Americans und Hispanics einzusetzen, wenn sie sogar acht Jahre lang einen schwarzen Pr\u00e4sidenten gestellt haben, bleibt ihre Politik doch alten Schemata verhaftet. Aber das ist Parteipolitik. Viel spannender ist die Meinung der Bev\u00f6lkerung.&#8220; Die bekannte Stimme kam zun\u00e4chst aus dem Geb\u00fcsch, aber Kulle teilte die Zweige, w\u00e4hrend er sprach, und stand jetzt vor ihnen.\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Guten Morgen! Entschuldigung, ich habe mich ein wenig versp\u00e4tet, ich habe verschlafen. Ich habe mir n\u00e4mlich den Tort angetan, heute Nacht diese sogenannte Fernsehdebatte zu verfolgen &#8211; nun ja. Wie ich h\u00f6re, war ich nicht der einzige. Manfred, Du hast gerade sehr interessante Fragen aufgeworfen.&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\tKulle gl\u00e4ttete seine Fliege und fuhr fort. &#8222;Wenn es Euch recht ist, m\u00f6chte ich eine Antwort darauf versuchen.&#8220; Wie zuf\u00e4llig streifte sein Blick B\u00e4rdel, und er registrierte mit Genugtuung, dass dessen Gesichtsz\u00fcge sich entspannten. Manfred sah ihn begeistert an. Kulles Ego vollf\u00fchrte einen begeisterten Salto.\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Ich werde dazu weiter ausholen. Der intelligente Mensch Stanislaw Lem hat eine Theorie \u00fcber das Wesen der Menschen aufgestellt, deren Kernaussagen er in den Mund einer intelligenten Maschine legt\u000e. Dieser Theorie zufolge hat die Evolution des tierischen Lebens auf der Erde auf einer recht hohen Stufe zu einem Zustand gef\u00fchrt, der eine L\u00fccke evozierte: Nicht alle Handlungen wurden mehr rein instinktiv gesteuert. Dass Lem rein instinktives Handeln uns Tieren unterstellt, ist nat\u00fcrlich Unsinn und allein seiner menschlichen Borniertheit geschuldet, aber seine Aussagen \u00fcber seine eigene Spezies sind zweifellos nachdenkenswert.\n<\/p>\n<p>\n\tDie L\u00fccke bedeutet, sich zwischen Alternativen entscheiden zu k\u00f6nnen. Die L\u00fccke ist das, was der Mensch selbstgerecht als &#8218;Verstand&#8216; bezeichnet.\n<\/p>\n<p>\n\tNun ist das Entscheiden ein anstrengender Prozess, dauernde Entscheidungen \u00fcberfordern auch B\u00e4ren, ganz gewiss aber Menschen. Deshalb, so Lem, organisieren die Menschen ihr Leben in regelhaften Gemeinschaften, die sie selbst als &#8218;Kulturen&#8216; bezeichnen. Die Vorschriften darin, die sie selbst gemacht haben, die sie aber schnell als von \u00fcberirdischen oder irdischen M\u00e4chten gegeben betrachten, nehmen ihnen die Notwendigkeit der Entscheidung ab: in toleranten Kulturen nur zum Teil, in doktrin\u00e4ren vollst\u00e4ndig. Soweit Lem.\n<\/p>\n<p>\n\t&#8218;Die Welt ist aus den Fugen&#8216; hat Manfred vorhin gesagt. Das ist zwar ein nicht korrektes Zitat, wohl aber eine korrekte Zustandsbeschreibung. Die technologischen Ver\u00e4nderungen in der Menschenwelt, allen voran die Revolution der Kommunikation und der Berufswelt, stellen tradierte Kulturen in Frage. Die gesellschaftliche Antwort darauf ist ein Auseinanderdriften der Menschengesellschaften: Doktrin\u00e4r bestimmtes Leben wird noch doktrin\u00e4rer, permissive Kulturen verzichten zunehmend auf verbindliche Regeln. Und die Gesellschaften mit fixen Grunds\u00e4tzen und die Gesellschaften ohne fixe Grunds\u00e4tze werfen den jeweils anderen vor, am fugenlosen Zustand der Welt schuld zu sein.&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Ist ja alles sch\u00f6n und gut!&#8220; murrte Manfred. &#8222;Aber ich wei\u00df immer noch nicht, warum ein Amerikaner Donald Trump w\u00e4hlen sollte.&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\tKulle sch\u00fcttelte den Kopf so leise, dass nur B\u00e4rdel es sehen konnte. &#8222;Die USA sind eine zumindest in Teilen tolerante Kultur. In ihr zu leben erfordert Entscheidungen. Trump versprich den Menschen, ihnen die Entscheidungen abzunehmen, indem er ihnen sagt, wer b\u00f6se ist und wer gut.  Er verspricht ihnen das Ende der wirtschaftlichen Unsicherheit, indem er die &#8218;fugenlose&#8216; Welt von den USA fern h\u00e4lt: Durch eine Mauer gegen Mexiko, durch Protektionismus. Er ist der reiche Onkel, der es ganz nach oben geschafft hat und der verspricht, dass alles f\u00fcr alle gut wird. Wie man Kindern leichtfertig unhaltbare Versprechungen macht.&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\tAlle schwiegen lange, bis Manfred leise fragte: &#8222;Auf der Welt gibt es gerade viele Kinder unter den Menschen, oder?&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Ich f\u00fcrchte, ja.&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\t&#8222;Jetzt gehen wir aber endlich spazieren!&#8220; forderte B\u00e4rdel gewollt heiter, obwohl ihm das Herz ebenso schwer war wie Manfred. &#8222;Wer kommt mit?&#8220;\n<\/p>\n<p>\n\tSie wanderten zu dritt durch die dehl\u00e4ndische Ebene, aber anders als sonst begleiteten sie keine munteren Reden.\n<\/p>\n<p>September 2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sommer war sehr gro\u00df, aber jetzt war es Zeit. Der Herr gab den letzten Fr\u00fcchten noch zwei s\u00fcdlichere Tage, aber dann legte er seinen Schatten auf die Sonnenuhren und lie\u00df die Winde auf den Fluren los. Und damit war den in ein Sonett gegossenen Forderungen Rilkes Gen\u00fcge getan, wenn auch nur prosaisch. 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