{"id":1704,"date":"2024-04-28T12:42:08","date_gmt":"2024-04-28T10:42:08","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=1704"},"modified":"2024-04-28T12:42:08","modified_gmt":"2024-04-28T10:42:08","slug":"zwangsheirat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2024\/04\/zwangsheirat\/","title":{"rendered":"Zwangsheirat"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein K\u00f6nig hatte eine Tochter, die war \u00fcber alle Ma\u00dfen sch\u00f6n, aber dabei so stolz besonders aber machte sie sich \u00fcber einen guten K\u00f6nig lustig, der ganz oben stand und dem das Kinn ein wenig krumm gewachsen war. \u201eEi,\u201c rief sie und lachte, \u201eder hat ein Kinn, wie die Drossel einen Schnabel,\u201c und seit der Zeit bekam er den Namen \u201eDrosselbart\u201c. Der alte K\u00f6nig aber, als er sah, dass seine Tochter nichts tat als \u00fcber die Leute spotten, und alle Freier, die da versammelt waren, verschm\u00e4hte, ward er zornig und schwur, sie sollte den ersten besten Bettler zum Manne nehmen, der vor seine T\u00fcre k\u00e4me. (M\u00e4rchen der Gebr\u00fcder Grimm)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Prinzessin I<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWie geht es meiner Frau?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs gehr ihr recht gut. Sie leidet unter dem postpartalen Stimmungstief, sie hat den Babyblues. Das kennen wir ja schon, sie hatte diese Verstimmungen auch nach den ersten beiden Geburten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch kann mich aber nicht erinnern, dass es bei unseren \u00e4lteren Kindern so schlimm war. Man kann gar nicht mehr mit ihr reden, sie weint immer und h\u00f6rt mir nicht zu.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas wird schon wieder. Ich habe ihr ein leichtes Schlafmittel verordnet, weil sie schlecht Ruhe findet. Das wird ihr helfen, sich besser zu konzentrieren, wenn sie wach ist. Bis zum offiziellen Fototermin in vier Wochen ist sie wieder auf der H\u00f6he, das kann ich versprechen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eFragt sie nach mir?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eFragt sie nach dem Jungen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eBisher nicht \u2013 nein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eUnd wie reagiert sie, wenn man ihn ihr bringt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eUm ehrlich zu sein: Sie reagiert gar nicht. Sie starrt unver\u00e4ndert irgendwohin. Sie sieht noch nicht einmal weg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSpricht sie \u00fcberhaupt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie murmelt vor sich hin. Aber sie ist nicht ansprechbar.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSollte man vielleicht einen Psychiater hinzuziehen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch bitte um Verzeihung, K\u00f6nigliche Hoheit \u2013 ich bin der Psychiater. Um genau zu sein, die Psychiaterin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSag mal, Du wirst hier ja besser bewacht als die Kronjuwelen! Diese Krankenhausdomestiken wollten sich doch tats\u00e4chlich weigern, mich zu Dir zu lassen! Ich musste ordentlich Krach schlagen und mit dem K\u00f6nig drohen, um sie einzusch\u00fcchtern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gibt es hier keinen Stuhl? Ach was, ich setze mich einfach auf dein Bett. So!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz nett hast Du es hier. Zu viele Blumen \u2013 gut, dass ich nicht auch noch welche mitgebracht habe. Werden die wenigstens am Abend ausger\u00e4umt? Der Duft ist ziemlich schwer, finde ich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So, und jetzt gib mir Deine Hand. Die ist ja ganz kalt &#8211; frierst Du? Nein? Gut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann erz\u00e4hl mal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kannst Du vielleicht ein bisschen lauter sprechen? Nein, ich glaube nicht, dass Du hier abgeh\u00f6rt wirst. Wovor hast Du Angst?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2026&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWovor ich Angst habe? \u2026 Vor allem. \u2026 Vor dem Leben. \u2026 Vor ihm. \u2026 Vor mir.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie hat mich nun mal geheiratet. Sie wusste, worauf sie sich einl\u00e4sst. Vielleicht war die Einwilligung nicht ganz freiwillig, es gibt dynastische Verpflichtungen, auch im 21. Jahrhundert, aber im 21. Jahrhundert kann eine junge Frau aus dem Hochadel immerhin \u201aNein\u2018 sagen, theoretisch wenigstens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Monarchie braucht Thronfolger. Die Funktion der Ehefrau eines K\u00f6nigs ist in erster Linie die Produktion von Nachwuchs, von gesundem Nachwuchs. S\u00f6hne sind eher erw\u00fcnscht als T\u00f6chter. Das alles hat sie gewusst, verdammt noch mal!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich hab sie wirklich gemocht. Sie hat bei allen offiziellen Auftritten bella figura gemacht, wie die Italiener sagen, und im Bett \u2013 na ja, im Bett war sie passabel. Wir wussten beide, dass wir einen Pflichtakt vollzogen, dass wir Kinder zeugen mussten, dass es nicht um Spa\u00df ging. Aber wir haben so getan, als ob.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bruch kam vor zwei Jahren. Wir hatten das dritte Kind angesetzt. Die \u00d6ffentlichkeit wurde erst mal nicht informiert, wie wir das immer tun, bis die pr\u00e4natalen Untersuchungen gr\u00fcnes Licht signalisierten. Im dritten Monat kam dann die Diagnose: Trisomie. Nat\u00fcrlich war das ein No-Go.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Familie hat beschlossen, die Schwangerschaft abzubrechen. Die k\u00f6nigliche Familie, nicht&nbsp; sie. Nicht die Mutter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seitdem ist auch das kaputt, was noch nicht kaputt war. Ich wei\u00df nicht, ob sie das Kind gewollt h\u00e4tte. Die ersten beiden Kinder von mir hat sie ja auch nicht gewollt. Aber vielleicht wollte sie dieses Kind, weil ich es nicht wollte, weil es nicht perfekt sein w\u00fcrde, so wie ich alles perfekt haben wollte. Weil es nicht so perfekt sein w\u00fcrde, wie sie es in meinen Augen nicht war.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie hat nicht mehr mit mir geredet. Sie ist mir ausgewichen, wann immer sie konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir hatten bis dahin zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Zu wenig, um wirklich sicher zu sein. Wirklich sicher ist man nat\u00fcrlich nie, aber je mehr Kinder, desto besser. Gesunde Kinder nat\u00fcrlich. Aber auch die k\u00f6nnen einer&nbsp; neuen Seuche wie Corona zum Opfer fallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also mussten wir nochmal ran. Ich hatte keine Lust, und sie nat\u00fcrlich auch nicht. Wir h\u00e4tten diese modernen Wege gehen k\u00f6nnen, invitro Fertilisation oder wie man das nennt, aber das war dann doch unter meiner W\u00fcrde. Ich spritz\u2019 doch nicht in ein Glas ab, damit mein k\u00f6niglicher Samen hinterher \u2026 nein,danke!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war furchtbar. Sie lag im Bett wie ein Brett, und ich hatte M\u00fche. Mehr als M\u00fche. Nat\u00fcrlich konnte ich mir keinen Porno ansehen, um in Fahrt zu kommen, aber es gibt ja immer noch das Kopfkino. Ich habe mir vorgestellt \u2026also das w\u00fcrde jetzt zu weit f\u00fchren. Jedenfalls wurde sie wieder schwanger, und es gab keine Komplikationen. Bis jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn sie den Jungen ablehnt, wie es scheint, wird sich das vertuschen lassen. Nat\u00fcrlich s\u00e4ugt sie nicht, das hat sie nie getan, S\u00e4ugen schadet der Figur, es ruiniert die Br\u00fcste. F\u00fcr die Erziehung gibt es die Gouvernante und in ein paar Jahren das Internat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Problem ist ein anderes. Die Familie m\u00f6chte sicher gehen und w\u00fcnscht sich ein viertes Kind von mir. Nat\u00fcrlich mit ihr \u2013 mit wem sonst?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Prinzessin II<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Liebes Tagebuch!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe Dich hier im Ort gekauft. Mein Bruder hat mich auf einem Spaziergang begleitet. Allein darf ich nicht mehr aus dem Haus. In einem Schreibwarengesch\u00e4ft habe ich Dich gefunden und auch einen Stift. Mein Bruder wollte wissen, wozu ich so ein dickes Heft brauche. Um ein Haushaltsbuch zu f\u00fchren, habe ich behauptet. Damit war er zufrieden. Wahrscheinlich wei\u00df er noch nicht mal, was das ist, ein Haushaltsbuch. Aber mit dem Wort \u201aHaushalt\u2018 war er zufrieden. Das Wort passt zu der Zukunft, die mein Vater f\u00fcr mich geplant hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Vater war mein liebster Mensch. Er hat alles f\u00fcr mich getan. Sonntags sind wir im Sommer Eis essen gegangen und im Winter Schlittschuh laufen. Meine Mutter hat geschimpft, weil das immer viel Geld gekostet hat. Aber er hat nur gelacht. \u201eF\u00fcr meine Prinzession ist nichts zu teuer,\u201c hat er ihr geantwortet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sogar meine Schule durfte ich mir aussuchen. Ich wollte unbedingt aufs Gymnasium und Abitur machen. Nat\u00fcrlich war meine Mutter auch dagegen. Aber ich war eine gute Sch\u00fclerin, die Lehrer sagten, ich w\u00fcrde das spielend schaffen. Darauf hat sich mein Vater berufen. \u201eDas Kind soll Spa\u00df haben, solange es geht,\u201c hat er gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe mir nichts bei diesen Worten gedacht. Ich habe geglaubt, es w\u00fcrde immer so gehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Schule wollte ich studieren. Ich wusste noch nicht genau, was. Maschinenbau, Bauingenieurwesen, Architektur. Irgendwas mit Bauen jedenfalls. Ich w\u00fcrde von zu Hause ausziehen und mit anderen Studis in einer WG leben. Neben dem Studium w\u00fcrde ich jobben. Mit dem Verdienst und mit Baf\u00f6g w\u00fcrde ich \u00fcber die Runden kommen, ohne meinen Eltern weiter auf der Tasche zu liegen. Ich habe das genau durchgerechnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit meinen drei Freundinnen habe ich viel zusammen gemacht. F\u00fcr die Schule gelernt nat\u00fcrlich, aber wir sind auch in Konzerte gegangen, Konzerte f\u00fcr junge Leute, meine ich, und auf Parties. Auf so etwas haben meine Eltern genau aufgepasst, nicht nur meine Mutter, mein Vater eigentlich noch mehr. Ich musste ihnen versprechen, immer mit meinen Freundinnen zusammen zu bleiben. Mich nicht mit Jungen einzulassen. Und immer vor Mitternacht zu Hause sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das mit den Jungen war kein Problem, ich kann an M\u00e4nnern nichts finden. \u00dcberhaupt ist Sex nicht mein Ding. Neugierig bin ich schon, na klar, wer ist das nicht. Aber dass mein K\u00f6rper auf einen Mann reagiert? Fehlanzeige. Eher wohl schon auf eine Frau, aber das k\u00f6nnte ich meinen Eltern nie sagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Tag nach den m\u00fcndlichen Abipr\u00fcfungen sind wir vier zum Feiern losgezogen. Ich war ausgelassen und total losgel\u00f6st, habe abgetanzt, bis ich fast umgefallen bin, und habe die Zeit v\u00f6llig vergessen. Als ich nach Stunden zum ersten Mal auf die Uhr gesehen habe, war es halb drei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich fuhr keine Stra\u00dfenbahn mehr und auch kein Bus, ich musste nach Hause laufen. Als ich eine Stunde sp\u00e4ter vor unserem Haus ankam, sah ich die Katastrophe: Unsere Wohnung war hell erleuchtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle drei sa\u00dfen in der K\u00fcche am Tisch, voll angezogen: Mein Vater, meine Mutter und mein Bruder. Mein Vater stand auf, kam auf mich zu, ohne ein Wort zu sagen, und gab mir eine solche Ohrfeige, dass ich gegen die Wand flog. Dann setzte er sich wieder und wartete, dass ich mich aufrappelte. Als ich hochkam, taumelig und benommen, wollte ich mich auch an den Tisch auf meinen Stuhl setzten, aber er schrie mich an: \u201eDu bleibst gef\u00e4lligst stehen!\u201c Er hatte mich noch nie geschlagen und auch nicht angeschrien. Ich war v\u00f6llig durcheinander.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHast Du Dich vergessen?\u201c Das war dann meine Mutter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch habe die Zeit vergessen, das ist alles. Es tut mir leid!\u201c Irgend so was habe ich wohl gesagt, ich wei\u00df es nicht mehr genau.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJetzt wird sie auch noch frech, die Schlampe!\u201c Das war der Kommentar meines lieben Bruders.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie schickten mich auf mein Zimmer. Schlafen konnte ich nat\u00fcrlich nicht, aber sie auch nicht. Ich h\u00f6rte sie leise miteinander reden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Morgen kam meine Mutter, nat\u00fcrlich wie immer ohne anzuklopfen. Sie er\u00f6ffnete mir, dass ich Hausarrest habe. Genauer: Zimmerarrest. Ich wusste, nicht, ob das legal war. Zwar war ich noch nicht achtzehn, ein paar Wochen fehlten noch bis zum Geburtstag, aber eine angemessene Erziehungsma\u00dfnahme war das bestimmt nicht. Andererseits: was sollte ich machen? Abhauen? Wohin? Also f\u00fcgte ich mich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Mutter brachte mir zu essen, ich durfte auch ins Bad. Niemand redete mit mir. Niemand sagte, wie es weitergehen sollte. Ich hatte das Gef\u00fchl durchzudrehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach ein paar Tagen befahl mir meine Mutter, mich anzuziehen. Wir w\u00fcrden ausgehen. Sie sagte nicht wohin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich fand mich in einer Frauenarztpraxis wieder. Sie hatte mich dort zu einer Untersuchung angemeldet, zu einer Routineuntersuchung, sagte die Arzthelferin an der Rezeption. Es werde nicht lange dauern, wir m\u00f6chten kurz im Wartezimmer Platz nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tats\u00e4chlich wurde ich bald in ein Besprechungszimmer gebeten. Meine Mutter ging einfach mit. Der Arzt kam herein und gr\u00fc\u00dfte: \u201eMerhaba!\u201c \u201eMerhaba!\u201c antwortete ich automatisch, obwohl ich die t\u00fcrkische Sprache fast vergessen habe. Zuhause sprechen wir deutsch, denn mein Vater sagt, nur so k\u00f6nnen wir uns integrieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem \u00fcblichen Vorgepl\u00e4nkel \u2013 warum ich gekommen sei (wei\u00df ich nicht), ob ich Beschwerden h\u00e4tte (nein)&nbsp; \u2013 wurde ich im Untersuchungszimmer auf diesen merkw\u00fcrdigen Stuhl gesetzt oder besser gelegt, den ich noch nicht kannte. Ich empfand die Situation als \u00e4u\u00dferst unangenehm. Ein fremder Mann, mochte er Arzt sein oder nicht, hatte mich in eine entw\u00fcrdigende Lage gebracht und machte sich an meinen Genitalien zu schaffen. Das einzig positive war, dass meine Mutter nicht dabei sein durfte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich endlich meine Beine wieder zusammenlegen durfte, absteigen konnte und mich angezogen hatte, gab es einen kurzen Abschluss im Besprechungszimmer. Der Arzt sagte zu meiner Mutter, ja, zu meiner Mutter, nicht zu mir: \u201eAlles in Ordnung.\u201c Und ich sah meine Mutter l\u00e4cheln. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich meine Mutter \u00fcberhaupt je habe l\u00e4cheln sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das gute Wetter hielt aber nicht an. Zu Hause war alles wie gehabt. Ich sa\u00df wieder in meinem Zimmer. Tagelang. Bis mein Vater zu mir kam. Anders als meine Mutter klopfte er vorher an die T\u00fcr, er wartete aber nicht, bis ich \u201aHerein!\u2018 rief.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDu darfst Dich freuen, Prinzessin!\u201c sagte er. \u201eWir machen Urlaub. In unserem Land. Die ganze Familie. Nach all der Lernerei hast Du Dir das verdient. Morgen fliegen wir.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201aIn unserem Land\u2018. Noch nie hatte er die T\u00fcrkei \u201aunser Land\u2018 genannt. Ich merkte, dass etwas verrutscht war. Aber ich wusste nicht was.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Morgen fuhren wir alle vier in aller Herrgottsfr\u00fche zum Flughafen und bestiegen einen Flieger nach Ankara. Nat\u00fcrlich braucht man f\u00fcr so etwas Ausweise, um so etwas habe ich mich nie gek\u00fcmmert. Meine Mutter legte bei der Passkontrolle t\u00fcrkische Ausweise vor, als sei es das Selbstverst\u00e4ndlichste auf der Welt. F\u00fcr mich war das neu: Ich hatte also einen t\u00fcrkischen Pass.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ankara liegt mitten in der T\u00fcrkei in Anatolien, aber mein Vater hatte von Urlaub gesprochen. Ich rechnete also damit, dass wir weiterfahren w\u00fcrden, irgendwo ans Meer, aber stattdessen brachte uns mein Vater zum Bahnhof, und wir stiegen in einen Zug in Richtung Kars. Genau wusste ich nicht, wo das war, aber ganz bestimmt ziemlich weit im Osten und ganz bestimmt nicht am Meer.&nbsp; Ich schien die einzige in unserer Familie zu sein, die sich \u00fcber den Reiseplan wunderte. Alle anderen hielten ihn f\u00fcr vern\u00fcnftig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir stiegen an einem kleinen Bahnhof aus dem Zug. Das Stationsgeb\u00e4ude sah aus, als w\u00e4re es aus dem Film&nbsp; \u201aSpiel mir das Lied vom Tod\u2018 entsprungen. Selbst das Fliegengesumm konnte man h\u00f6ren. Aber niemand brachte uns um. Jedenfalls nicht gleich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Onkel holte uns ab, ein Bruder meines Vaters, von dem ich noch nie zuvor geh\u00f6rt hatte. Er hatte einen gro\u00dfen Pickup mit einer Fahrerkabine f\u00fcr vier, so dass wir alle Platz fanden. Unsere Koffer kamen hinten auf die Ladefl\u00e4che. Der Onkel hatte seinen Bruder umarmt und seine Schw\u00e4gerin, also meine Mutter, nur angel\u00e4chelt. Mit meinem Bruder hatte er einen Fistshake gewechselt. Mich hatte er nicht mal angesehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das kam mir schon ziemlich komisch vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Onkel fuhr uns zu seinem Haus. Es war gro\u00df, er hatte Familie, eine Frau, drei S\u00f6hne. Die Frau hatte gekocht, es gab zu essen und zu trinken, es schmeckte gut.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl mir alles fremd war, f\u00fchlte ich mich ganz wohl, ich hatte Hunger und Durst gehabt, und jetzt war ich zufrieden. Wir waren fr\u00fch aufgestanden, ich war m\u00fcde und wollte schlafen. Niemand hatte etwas dagegen, dass ich ins Bett ging. Ich schlief fast sofort ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die anderen blieben am Tisch sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie ist also noch Jungfrau, das ist best\u00e4tigt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJa.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eKann sie kochen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNa ja. Meine Frau hat ihr das eine oder andere beigebracht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAlso nicht. Kann sie unsere Sprache?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAls Kind hat sie sie gelernt. Aber in den sp\u00e4teren Jahren\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAlso nicht. Kann sie n\u00e4hen?&nbsp; Einen Haushalt f\u00fchren? Kann sie mit Vieh umgehen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAlso wenn Du mich so fragst: Nein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas soll sie dann hier?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie soll Deinen \u00e4ltesten Sohn heiraten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWarum? Er kann hier im Dorf viele Frauen finden, h\u00fcbsche Frauen, Jungfrauen, die k\u00f6nnen kochen, n\u00e4hen, einen Haushalt f\u00fchren und mit Vieh umgehen. Und t\u00fcrkisch k\u00f6nnen sie sowieso. Also?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie wird nicht wollen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eUm so schlimmer!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eUm so schlimmer? Um so besser! Sag, welche Deiner Dorfsch\u00f6nheiten hier w\u00fcrde sich gegen Deinen Sohn wehren? Na?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eKeine, denke ich doch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNa also. Welcher Mann will seine Herzensdame nicht erobern? Sie muss sich wehren, um wirklich sein zu sein. Und er muss sie unterwerfen, damit sie gef\u00fcgig ist und wei\u00df, dass sie sein ist. Er muss sie lehren zu tun, was ihm gef\u00e4llt. Sie&nbsp; muss&nbsp; seine Befehle in seiner Sprache befolgen. Du siehst \u2013&nbsp; meine Tochter ist genau die richtige Frau f\u00fcr deinen Sohn.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNa ja\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWir haben ein Brautkleid aus Mannheim mitgebracht. Etwas Sch\u00f6neres gibt es in der ganzen T\u00fcrkei nicht. Brautschmuck auch \u2013 schweres Gold. Sie wird sch\u00f6n sein. Dein Sohn wird zufrieden sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich habe ich dieses Gespr\u00e4ch nicht geh\u00f6rt. Ich wei\u00df auch nicht, ob es sich so abgespielt hat. Aber dass ich verkuppelt werden sollte, kriegte ich beizeiten mit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sollte zum Friseur. Meine Fingern\u00e4gel wurden manik\u00fcrt und lackiert. Freundinnen, von denen ich nicht wusste, dass ich sie hatte, kamen zu Besuch, a\u00dfen Kuchen, den meine Tante gebacken hatte und den ich nicht mochte, und begl\u00fcckw\u00fcnschten mich. Wenn ich fragte: Wozu? kicherten sie und drucksten herum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn die M\u00e4dchen nicht um mich herumwuselten, war mein Bruder immer an meiner Seite, sobald ich das Haus verlie\u00df. Das war mir ziemlich egal. Wer mich eigentlich interessierte, war mein Vater. Er sollte mir Rede und Antwort stehen. Aber er ging mir aus dem Weg.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Endlich erwischte ich ihn. Es war ein Nachmittag, er kam zusammen mit seinem Bruder aus der Moschee. Vom Freitagsgebet. In Deutschland hat er am Freitag Nachmittag immer ein Bier getrunken in Vorfreude auf das Wochenende, an dem er mit mir zusammen etwas unternommen hat. Aber das sagte ich ja schon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eL\u00fctfen, baba\u2026\u201c Da war es mit meinem T\u00fcrkisch schon wieder zu Ende. \u201eKann ich mit Dir sprechen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es wurde kein Gespr\u00e4ch. Es wurde ein Vortrag, bei dem ich nicht zu Wort kam. Sobald ich den Mund aufmachte, drohte er mich zu schlagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er sagte, ich h\u00e4tte die Familienehre beschmutzt. Beinahe jedenfalls. Aber es sei ja gerade noch mal gut gegangen, wie der Arzt best\u00e4tigt habe. Noch einmal werde ich ihn nicht in eine solche Situation bringen. Er sei zu nachsichtig mit mir gewesen. Jetzt werde er durchgreifen. Ich werde heiraten, und zwar meinen Cousin. Hier. In der Moschee. Der Imam sei einverstanden. Wir w\u00fcrden die Hochzeit feiern, wenn auch nur in kleinem Kreis. H\u00f6chstens 200 G\u00e4ste. Das gehe leider nicht anders. Meine Mutter, mein Bruder und er w\u00fcrden danach nach Deutschland zur\u00fcckfliegen. Ich w\u00fcrde mit meinem Mann hier leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Endlich war er fertig.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich hatte nur noch eine kurze Frage: \u201eUnd wenn ich nicht will?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDer Prophet sagt:\u2019 Eine Jungfrau darf nur verheiratet werden, wenn sie der Heirat zustimmt.\u2019\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDann ist ja alles klar. Jungfrau bin ich, und ich werde dieser Heirat nicht zustimmen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDer Prophet sagt auch: \u201aEine Jungfrau gibt dadurch ihr Jawort, da\u00df sie schweigt.\u2018\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war\u2019s also. Ich hatte keine Chance: Keine Papiere, kein Geld, keine Sprachkenntnisse, keine Freunde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hat mich also geheiratet, indem ich geschwiegen habe. Nat\u00fcrlich bin ich jetzt keine Jungfrau mehr. Am Morgen nach der Hochzeitsnacht hat meine Schwiegermutter das blutbeschmierte Bettlaken triumphierend aus dem Fenster geh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich lerne jetzt t\u00fcrkisch. Ich lerne kochen. Ich kann auch schon Ziegen melken und K\u00e4se machen. Ich trage einen T\u00fcrban. Ich widerspreche meinem Mann nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ich f\u00fchre dieses \u201aHaushaltsbuch\u2018. Das hilft mir irgendwie. Ich verstecke es gut. Vielleicht findet es einmal jemand. Irgendwann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">April 2024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein K\u00f6nig hatte eine Tochter, die war \u00fcber alle Ma\u00dfen sch\u00f6n, aber dabei so stolz besonders aber machte sie sich \u00fcber einen guten K\u00f6nig lustig, der ganz oben stand und dem das Kinn ein wenig krumm gewachsen war. \u201eEi,\u201c rief sie und lachte, \u201eder hat ein Kinn, wie die Drossel einen Schnabel,\u201c und seit der&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2024\/04\/zwangsheirat\/\"><span class=\"screen-reader-text\">Zwangsheirat<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","footnotes":""},"categories":[34],"tags":[],"class_list":["post-1704","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-grimmbaerdel","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1704","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1704"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1704\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1705,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1704\/revisions\/1705"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1704"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1704"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1704"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}