{"id":1679,"date":"2023-12-29T18:30:31","date_gmt":"2023-12-29T16:30:31","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=1679"},"modified":"2023-12-29T18:30:31","modified_gmt":"2023-12-29T16:30:31","slug":"soldaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2023\/12\/soldaten\/","title":{"rendered":"Soldaten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es roch nach Reichtum: nach Sauberkeit, mit einem Hauch von Orangenbl\u00fcte. Es sah aus wie Reichtum: die Kronleuchter, die fleckenlosen Glastischchen, die Flaschen in der Bar. Es f\u00fchlte sich an wie Reichtum: der Samt der Sessel, der seidige Teppich. Es h\u00f6rte sich an wie Reichtum: das Kammerorchester im Nebenraum. Es schmeckte wie Reichtum: der Champagner, den der Gastgeber herumreichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mann stand in der Mitte des Raumes. Er war schlank, in den Vierzigern, hatte volles schwarzes Haar und blaue Augen, trug keinen Bart, wiewohl der anscheinend starke Bartwuchs Wangen und Kinn dunkler erscheinen lie\u00df als die \u00fcbrige Gesichtshaut. Sein roter Smoking stand ihm hervorragend.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch gr\u00fc\u00dfe Euch!\u201c sagte er und hob seinen Kelch gegen jeden seiner vier G\u00e4ste. \u201eIhr habt es in mein Assessment-Center geschafft. Obwohl \u2013 Assessment-Center ist nicht der richtige Begriff. Ihr braucht Euch hier nicht zu bewerben. Ihr habt Euch n\u00e4mlich schon bewiesen. Ob Ihr bleiben d\u00fcrft oder gehen m\u00fcsst, entscheide allein ich. Cheers!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man prostete einander zu, suchenden Blicks. Forschte nach bekannten Gesichtern. Trank dann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Gastgeber schmunzelte. \u201eIch sehe, Ihr sucht Vertrautheit. Wer tut das nicht. Vor dem Fremden haben die Menschen Angst. Aber beunruhigt Euch nicht. Ihr seid einander sehr nah.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er wandte sich der einzigen anwesenden Frau zu. \u201eLynndie, Ladies first. So leid es mir tut \u2013 Du wirst mich wieder verlassen m\u00fcssen. Und es tut mir wirklich leid, denn Du hast F\u00e4higkeiten bewiesen, die den Ruf, in dem mein Haus steht, h\u00e4tten mehren k\u00f6nnen. Aber der Ruf, den jemand hat, und sein tats\u00e4chliches Wesen sind nicht unbedingt deckungsgleich. Eure Motive spielen eine entscheidende Rolle f\u00fcr die Aufnahme oder die Ablehnung in meinem Haus. Deine Motive, liebe Lynndie, sind v\u00f6llig falsch gewesen. Nicht v\u00f6llig falsch per se, versteh mich bitte richtig, aber v\u00f6llig ungeeignet, um hier bleiben zu k\u00f6nnen.\u201cLeb wohl!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die kleine Frau, die er angesprochen hatte, hockte auf der Vorderkante ihres Sessels. Der R\u00fccken war gekr\u00fcmmt, sie lehnte sich nicht an. Die Beine hielt sie parallel, die F\u00fc\u00dfe in groben Milit\u00e4rstiefeln standen auf dem Teppich. Der Kopf war gesenkt. Sie drehte ihn ein wenig, seitw\u00e4rts, aufw\u00e4rts, sah den Smokingtr\u00e4ger fast an, nur fast, denn der Blick war auf die Smokingfliege fixiert, h\u00f6her wagte er sich nicht, und fragte: \u201eWarum?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAber Lynndie, das kannst Du Dir doch selber beantworten! Wen wolltest Du beeindrucken? Wem wolltest Du gefallen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Augen wanderten von der Smokingfliege zur\u00fcck auf den Teppich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eCharles,\u201c fl\u00fcsterte sie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJa, Charles!\u201c best\u00e4tigte er. \u201eDer brutale Charles, der Spa\u00df daran hatte, Gefangene so lange zu foltern, bis der Arzt kommen musste \u2013 und der kam oft zu sp\u00e4t. Der auch manchmal ziemlich heftig wurde, wenn er es mit Dir trieb. Der Vater Deines Kindes. Den hast Du geliebt. Dem wollten Du imponieren und Dir gleichzeitig Respekt vor ihm verschaffen. Richtig?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lynndie nickte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNat\u00fcrlich ist das richtig. Du wirst verstehen, dass jemand, dessen Motiv Liebe war, hier nichts zu suchen hat?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lynndie nickte wieder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAlso darfst Du Dich verabschieden. Du geh\u00f6rst nicht hierher, sondern nach West Virginia zu Deinen Eltern ins Mobilhome. Leb wohl!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem die kleine Frau widerspruchslos verschwunden war, sagte der Gastgeber: \u201eSo! Jetzt sind wir unter uns. Unter M\u00e4nnern redet es sich doch immer leichter, besser \u00fcber Frauen als mit Frauen. Und unser Gesch\u00e4ft hat ja h\u00e4ufig mit Frauen zu tun. \u2013 Aber zun\u00e4chst lasst mich schauen, wer hier au\u00dfer Lynndie nicht in unsere Runde passt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er sah sich um, und sein Blick blieb an einem Mann h\u00e4ngen, der breit grinste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDu auch nicht!\u201c sagte er kalt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Grinsen blieb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWarum nicht ich?\u201c fragte er. \u201eIch habe gelogen und betrogen und geprasst, ich habe behauptet, Tote zum Leben erwecken zu k\u00f6nnen, was eine Anma\u00dfung war, und ich habe mich unrechtm\u00e4\u00dfig bereichert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHast Du nicht das eine oder andere vergessen?\u201c wollte der Gastgeber wissen. \u201eZum Beispiel, dass Du auch Gutes getan hast?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNa ja,\u201c gab der Grinsende zu. \u201eIch habe in einem Anfall von Schwachheit drei Viertel meines geringen Besitzes einem Bettler gegeben.\u201c Er holte tief Luft. \u201eAber danach habe ich nur noch schlimme Sachen gemacht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWer war denn dieser Bettler? Zuf\u00e4llig jemand, den ich kennen sollte?\u201c Der Mann im Smoking l\u00e4chelte fein und schenkte sich Champagner nach. \u00dcber Bettler und deren L\u00fcgen wusste er bestens Bescheid.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch wei\u00df nicht, ob Du den Bettler kennen solltest. Es war der heilige\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mann im Smoking lie\u00df beinahe sein Glas fallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e\u2026Petrus.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDer Dir wegen Deiner Mildt\u00e4tigkeit auch wiederholt geholfen hat, Dich aus Deinen S\u00fcnden herauszuwinden, ich erinnere mich. Und da ist noch etwas: Hast Du nicht etwas vergessen, was Du Verwandten von mir angetan hast?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas war ich ja nicht selbst. Ich habe allerdings daf\u00fcr gesorgt, dass sie kr\u00e4ftig verpr\u00fcgelt wurden. Weil sie mich \u00fcberfallen haben!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIn meiner Familie geht es nun mal ab und zu ruppig zu. Und um des lieben Familienfriedens willen musst Du gehen: Meine Verwandten leben hier bei mir. Nicht auszudenken, dass Ihr jeden Tag eine Pr\u00fcgelei anzettelt. Bruder Lustig, Du darfst Deinen Champagner noch austrinken, aber dann versuch Dein Gl\u00fcck bei Petrus!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Grinsen war dem Mann, der Bruder Lustig genannt wurde, nicht vergangen. Er leerte sein Glas mit einem Zug, stand auf und gr\u00fc\u00dfte milit\u00e4risch. \u201eZu Befehl!\u201c sagte er. \u201eIch geh dann halt zur Konkurrenz.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSooo!\u201c sagte der Gastgeber gedehnt und sah sich um. \u201eIch denke, wir m\u00fcssen jetzt nur noch einen der Anwesenden hinausbitten, bevor wir wirklich unter uns sind. Ich meine Dich, Mr. Universal Soldier!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der so Angesprochene war der einzige im Raum mit dunkler Hautfarbe. Er sa\u00df weder auf einem Sessel noch in einem Sofa, sondern in einem Rollstuhl. Seine Kleidung \u2013 Jeans und Kapuzenpullover \u2013 war sauber, aber sehr abgetragen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWie haben Sie \u2026 wie hast Du mich gerade genannt? So hei\u00dfe ich nicht. Ich hei\u00dfe Joe Smith. Joseph Peter Smith.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMr. Universal Soldier, Du magst Joe Smith hei\u00dfen oder einen anderen beliebigen Namen tragen, Du bist es doch. Du kannst gro\u00df sein oder klein, noch ein Teen oder schon ein Twen, Du kannst mit Keulen k\u00e4mpfen oder mit der Maschinenpistole, Du kannst fromm sein oder Atheist: Du k\u00e4mpfst. Man sagt Dir, wof\u00fcr Du k\u00e4mpfen musst, f\u00fcr ein Land und eine bestimmte Lebensweise. Also k\u00e4mpfst Du. Du machst, was man Dir sagt. Du t\u00f6test, obwohl Du wei\u00dft, dass Du nicht t\u00f6ten sollst. Du denkst, dein T\u00f6ten ist der einzige Weg, das T\u00f6ten zu beenden. Aber ohne Dich gibt es kein T\u00f6ten. Ohne Dich Kriegsknecht gibt es keinen Kriegsherren. Und wie so oft werden die Kriegsknechte beschissen. Der Krieg in Vietnam ist dem Kriegsknecht Joe Smith nicht gut bekommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDarauf kannste wetten!\u201c sagte Smith.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSeit der Begegnung mit einem deutschen Professor vor langer Zeit bin ich mit dem Wetten vorsichtig geworden. Ja, ich wei\u00df schon: \u201aYou bet\u2018. Ist nur eine amerikanische Phrase.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also, um Deine Lage zusammenzufassen: Du bist schwarz, hast vermutlich den Highschool-Abschluss nicht geschafft, kommst aus dem Ghetto. Hattest keine Chance, Dich der Wehrpflicht zu entziehen. Immerhin bist Du nicht gefallen und hast nicht Selbstmord begangen, sondern bist nur gel\u00e4hmt. Also arbeitslos. Auch obdachlos? Heroinabh\u00e4ngig? Straff\u00e4llig geworden? Dann fehlt ja nur noch PTSD. Hast Du auch? Meinen Gl\u00fcckwunsch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein lieber Joe Smith, so viel Elend l\u00e4sst sogar einen wie mich fast Mitleid empfinden. Nun ja, fast. Das bedeutet aber nicht, dass Du bleiben kannst. Siehst Du, ich habe Lynndie vor die T\u00fcr gesetzt, weil sie aus dem gehandelt hat, was sie unter Liebe versteht. Du bist in Deiner misslichen Situation, weil Du zu bl\u00f6d warst, Dich zu widersetzen. Was meinst Du, wie es hier auss\u00e4he, wenn mein Heim alle Verlierer wie Dich aufn\u00e4hme? Wahrscheinlich wie im Gazastreifen, oder schlimmer. Nein. Dies hier ist ein Ort f\u00fcr Gewinner, f\u00fcr Zielgerichtete, die wissen, was sie wollen. Und die wissen, dass man f\u00fcr dieses Ziel an einer ganz bestimmten Stelle \u201eNein\u201c sagen muss. Also bitte!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Joe Smith in seinem Rollstuhl folgte der auffordernden Handbewegung und setzte die R\u00e4der in Bewegung. Die T\u00fcr schloss sich hinter ihm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJetzt sind wir wirklich unter uns!\u201c Der Gastgeber setzte sich endlich. \u201eIch begr\u00fc\u00dfe Dich, Jewgeni Wiktorowitsch. M\u00f6chtest Du noch einen Schluck von dem dekadenten verweichlichten Champagner, oder k\u00f6nnen wir zu Wodka und Kaviar \u00fcbergehen, wie es sich f\u00fcr echte M\u00e4nner geh\u00f6rt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWodka. Hundert Gramm!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas h\u00f6re ich gern. Deine M\u00e4nner haben immer viel Wodka im Blut gehabt, wenn sie getan haben, was mir Freude macht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eVergewaltigen und morden?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEben das. Zum Beispiel junge, auch sehr junge Frauen in einem Kellergef\u00e4ngnis, die systematisch vergewaltigt werden, bis sie nie wieder Sex haben wollen und bestimmt keine Kinder von den falschen M\u00e4nnern. Stattdessen werden sie von Deinen M\u00e4nnern schwanger. Spa\u00df macht auch, eine Frau zusehen zu lassen, wie ihr Sohn vergewaltigt wird. Oder eine Frau zu mehreren zu vergewaltigen \u2013 sie hat ja mehrere K\u00f6rper\u00f6ffnungen. Und wenn so eine Fotze nicht mehr durchh\u00e4lt, kein Problem: Gleich neben dem Haus, in dem die K\u00e4mpfer lagern, wird eine Grube ausgehoben, die Leichen wirft man hinein, und wenn die Grube voll ist, wird sie zugesch\u00fcttet und die n\u00e4chste gegraben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSch\u00f6n, dass es Dir gefallen hat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSexuelle Dem\u00fctigung anderer verschafft Befriedigung, da sind wir uns einig. Aber manchmal mach es Spa\u00df auch ohne Sex, oder?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eKlar! Kriegsgefangenen kann man manches abschneiden, Finger, H\u00e4nde, Arme und Zehen, F\u00fc\u00dfe und Beine. Am besten die Eier und den Schwanz. Der Kopf macht auch Spa\u00df: Ich erinnere mich an eine Situation, in der meine M\u00e4nner einem Verr\u00e4ter erst den Kopf mit einem Vorschlaghammer zertr\u00fcmmert haben, bevor sie ihm mit einem Spaten den Hals abgehackt haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eUnd wie steht es mit Pl\u00fcnderungen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie kommen nat\u00fcrlich vor. Bei uns allerdings nur in gro\u00dfem Stil. Wenn es zum Beispiel um hunderttausende Tonnen ukrainische Getreides geht, die man auf eigene Rechnung verh\u00f6kern kann, sind wir dabei. Aber nicht bei dem Kleinkram.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eKleinkram?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eKleinvieh, Klosch\u00fcsseln, K\u00fchlschr\u00e4nke, Waschmaschinen, K\u00fcchenger\u00e4te, Hundeh\u00fctten und Kleidung. Ist alles vorgekommen. Das geht aber auf das Konto der M\u00e4nner von Wladimir Wladimirowitsch. Die Burjaten, die er im Osten zwangsrekrutiert hat, sind halt nichts Gutes gewohnt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAnders als Deine M\u00e4nner, oder?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas ist so eine Sache. Seit Wladimir Wladimirowitsch beschlossen hat, dass es keine Ukraine geben darf, hat sich bei meinen M\u00e4nnern viel ge\u00e4ndert. Ich brauchte mehr Leute, deshalb habe ich meine Anforderungen gesenkt. Und weil es leicht ist, in einem Krieg zu sterben, musste ich den Sold verdoppeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gl\u00fccklicherweise gibt es im gro\u00dfen russischen Reich viele Strafkolonien. Das Leben dort ist nicht gerade angenehm. Viele H\u00e4ftlinge haben angebissen, als ich ihnen eine Amnestie versprochen habe \u2013 gegen sechs Monate an der Front. Wer desertiert, wird erschossen. Sie hatten f\u00fcnf Minuten Zeit, sich zu entscheiden. Aber vom Krieg hatten die nat\u00fcrlich keine Ahnung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wladimir Wladimirowitsch war knapp an Soldaten, und so \u00fcbernahmen meine Leute den einen oder anderen Frontabschnitt. Einer war Bachmut. Die Schlacht um Bachmut war eine der l\u00e4ngsten der Weltgeschichte und die verlustreichste seit dem Zweiten Weltkrieg. Hinterher sah es aus wie damals in Verdun: Kein Haus stand noch und kein Baum. Meine rekrutierten Str\u00e4flinge mussten die Sache ausbaden: Sie wurden als Kanonenfutter vorgeschickt, damit die Ukrainer sie beschie\u00dfen konnten. Damit haben die Faschisten ihre Positionen verraten, die schwere russische Artillerie konnte loslegen, und Profis r\u00fcckten vor. Tos-1-Mehrfachraketenwerfer und die eine oder andere Phosphorbombe haben da Wunder gewirkt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eUnd das haben die Knackis so einfach mit sich machen lassen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSo einfach nun auch wieder nicht. Ein bisschen Dope hat geholfen. Wenn Du euphorisierende Amphetamine im Blut hast, gehst Du auf den n\u00e4chsten Sch\u00fctzengraben zu, als w\u00e4re er das Paradies. Oh, Entschuldigung!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDann musst Du bald keine Leute mehr gehabt haben!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs gibt ja noch andere L\u00e4nder als Russland. Wir haben S\u00f6ldner aus der T\u00fcrkei, Serbien, Tschechien, Polen, Ungarn, Deutschland, Kanada, Moldau und Lateinamerika rekrutiert. Und in der Zentralafrikanischen Republik haben wir gefangene Rebellen befreit. Die sa\u00dfen wegen Mord und Vergewaltigung in Untersuchungshaft. Das waren genau die richtigen Leute f\u00fcr uns.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eUnd wer hat das alles bezahlt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDa gibt es zwei Lesarten: Wir haben das bezahlt. Meine Gruppe. Mit unseren Eins\u00e4tzen in Afrika, konkret in Libyen, Mali, Mosambik, Sudan, der Zentralafrikanischen Republik, \u00c4quatorialguinea, Simbabwe, der Demokratischen Republik Kongo, Kamerun, Madagaskar, Guinea, Guinea-Bissao, Angola, \u00c4gypten, Eritrea und Madagaskar haben wir Wladimir Wladimirowitsch so viele Rohstoffe und so viel hegemoniale Einflussnahme verschafft, dass er uns knief\u00e4llig danken m\u00fcsste. Stattdessen hat er mein Flugzeug abst\u00fcrzen lassen. Wo ist er \u00fcberhaupt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEr ist in Moskau. Ich brauche ihn noch da oben. Und die zweite Lesart?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWladimir Wladimirowitsch erkl\u00e4rt \u00f6ffentlich, dass er meine Gruppe aus dem Staatshaushalt finanziert. Das ist ja auch nicht ganz falsch, wenn man bedenkt, dass wir zu nicht unerheblichen Teilen seinen Staatshaushalt f\u00fcttern.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJewgeni Wiktorowitsch, ich bin zufrieden mit Dir. Ich hei\u00dfe Dich willkommen. Du hast drei W\u00fcnsche offen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDer F\u00fcrst der H\u00f6lle ist gener\u00f6s? Damit habe ich jetzt wirklich nicht gerechnet. Aber es ist mir recht. Ich brauche auch nicht lange zu \u00fcberlegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erstens: Wenn Du in einer Deiner einfacheren H\u00f6llen eine Stadt hast mit vielen Kneipen, in denen man sich besaufen und am Gl\u00fccksspiel berauschen kann, in der es Huren gibt, die zu allem bereit sind, und ehrbare sch\u00f6ne Frauen, die zu nichts bereit sind, in der tapfere Soldaten anstellen d\u00fcrfen, was sie wollen, und daf\u00fcr nicht bestraft werden, sondern belohnt \u2013 das w\u00fcnsche ich mir f\u00fcr die M\u00e4nner, die mit mir auf Moskau marschiert sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zweitens: Wenn Du Wladimir Wladimirowitsch nicht mehr in Moskau brauchst, wirst Du ihn vermutlich zu Dir einladen. Ich m\u00f6chte ihm auf keinen Fall begegnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drittens: Ich habe nie kochen gelernt, obwohl ich als Putins Koch gelte. Ich m\u00f6chte das gerne lernen und genie\u00dfen, was ich gekocht habe. Und wenn ich das kann und finde, dass ich&nbsp; genug genossen habe, m\u00f6chte ich mich von Dir verabschieden und sterben d\u00fcrfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Gastgeber zog eine Grimasse, trank einen gro\u00dfen Schluck Wodka aus seinem Glas und sagte, weil ihm nichts anderes \u00fcbrig blieb: \u201eGew\u00e4hrt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dezember 2023<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es roch nach Reichtum: nach Sauberkeit, mit einem Hauch von Orangenbl\u00fcte. Es sah aus wie Reichtum: die Kronleuchter, die fleckenlosen Glastischchen, die Flaschen in der Bar. Es f\u00fchlte sich an wie Reichtum: der Samt der Sessel, der seidige Teppich. Es h\u00f6rte sich an wie Reichtum: das Kammerorchester im Nebenraum. 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