{"id":136,"date":"2014-11-22T20:14:46","date_gmt":"2014-11-22T18:14:46","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=136"},"modified":"2017-03-08T14:03:20","modified_gmt":"2017-03-08T12:03:20","slug":"pluralismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2014\/11\/pluralismus\/","title":{"rendered":"Pluralismus"},"content":{"rendered":"<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/nanuk.jpg\" alt=\"Na und Nuk\" width=\"400\" height=\"300\" \/><\/div>\n<p>&#8222;Was meinst Du &#8211; sollen wir nicht doch mal?&#8220; fragte Na.<\/p>\n<p>&#8222;Was sollen wir &#8218;doch mal&#8216;?&#8220; Nuk bem\u00fchte sich um H\u00f6flichkeit.<\/p>\n<p>&#8222;Manfred hat uns letztens geraten, wie er fr\u00fcher einmal in eine Menschenschule zu gehen &#8211; f\u00e4ndet du das nicht lustig? Es w\u00e4re ein tolles Abenteuer!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Du spinnst! Man w\u00fcrde uns sofort als Eisb\u00e4rinnen erkennen. Manfred als Braunb\u00e4r kann sich ohne Probleme als Mensch geben, aber wir\u2026&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das k\u00f6nnen wir auch! Wir binden uns ein Kopftuch um, und schon sind wir Muslimas. Dazu geh\u00f6ren nat\u00fcrlich k\u00f6rperverh\u00fcllende Gew\u00e4nder, und schon erkennt uns niemand. Die Sache mit dem aufrechten Gang kannst Du doch, oder?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Frag nicht so dumm! Schlie\u00dflich unterrichtet Tante Atti uns auch im Tanzen, obwohl ich mich immer wieder frage, wozu das gut sein soll. Ich k\u00f6nnte also dank ihres Unterrichts auch auf den Zehenspitzen zur Menschenschule gehen, wenn es sein m\u00fcsste.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Prima!&#8220; Na freute sich. &#8222;Morgen melde ich uns dann an. Ich dachte an die vorletzte Klasse. Da gibt es noch keine ernsthaften Pr\u00fcfungen, aber unser Niveau d\u00fcrfte der Unterricht dort in etwa haben.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Woher wei\u00dft du das?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Reine Spekulation. Aber im vorletzten Jahr vor der Erreichung der allgemeinen dehl\u00e4ndischen Hochschulreife sollte man doch etwas erwarten k\u00f6nnen, oder?&#8220;<\/p>\n<p>Die neuen Sch\u00fclerinnen Na Ibrahima und Nuk Abdallahi wurden problemlos in den elften Jahrgang aufgenommen. Selbstverst\u00e4ndlich belegten sie alle Kurse gemeinsam. Als erstes Fach hatten sie Deutsch. Man besch\u00e4ftigte sich mit Goethes &#8222;Faust&#8220;. Nanuk versuchten, ein G\u00e4hnen zu unterdr\u00fccken &#8211; diese Lekt\u00fcre lag schon ein paar Monate hinter ihnen. Aber sie setzten sich brav in die letzte Reihe, in der noch zwei Pl\u00e4tze frei waren. Vor ihnen z\u00e4hlten sie die K\u00f6pfe und kamen auf f\u00fcnfundzwanzig.<\/p>\n<p>&#8222;Haben die Menschen in Dehland vielleicht kein Geld f\u00fcr effektiven Individualunterricht?&#8220; fl\u00fcsterte Nuk ihrer Schwester zu. Aber die junge Lehrerin hatte gute Ohren und fuhr schnell dazwischen: &#8222;Hier wird nicht geschwatzt, junge Dame, hier wird aufgepasst. Was meinen Sie &#8211; n\u00e4hert sich Faust dem ihm unbekannten jungen M\u00e4dchen in angemessener Weise?&#8220;&#8220;<\/p>\n<p>Nuk musterte die Lehrerin unter ihrem Schleier hervor, was diese nicht bemerkte. Statt auf ihre Augen konzentrierte sich die junge P\u00e4dagogin auf deren kunstvoll geschlungenes Kopftuch und sch\u00fcrzte dabei ver\u00e4chtlich die Lippen. Kopft\u00fccher k\u00f6nnen nicht denken, schlussfolgerte Nuk aus dieser Mimik. Na warte!<\/p>\n<p>&#8222;Sie m\u00fcssen entschuldigen &#8211; meine Schwester und ich sind neu hier, und wir kennen den Roman, den Sie lesen, nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Nuk registrierte mit Genugtuung das Stirnrunzeln, als sie &#8218;Roman&#8216; sagte. Sie dachte, sie h\u00e4tte sich genug dumm gestellt.<\/p>\n<p>&#8222;Ein bisschen haben wir aber schon mitbekommen. Die Handlung spielt in der dehl\u00e4ndischen oder einer \u00e4hnlichen fiktiven Vergangenheit. Damals war es \u00e4u\u00dferst unh\u00f6flich, einem jungen M\u00e4dchen seinen Arm anzubieten, Ein &#8222;Fr\u00e4ulein&#8216;, wie Faust das M\u00e4dchen nennt, ist eine adelige junge Dame. Wahrscheinlich ist diese Anrede unpassend \u2013 wie gesagt, wir kennen den Roman nicht. Ich habe den Eindruck, Faust will Gretchen m\u00f6glichst schnell ins Bett kriegen.&#8220;<\/p>\n<p>Sie biss sich auf die Lippen \u2013 woher sollte sie wissen, dass der Name des M\u00e4dchens Gretchen war? Aber zu ihren Gl\u00fcck merkte die Lehrerin nichts, und die Klasse d\u00f6ste sowieso vor sich hin.<\/p>\n<p>&#8222;Sie halten Faust also f\u00fcr einen Egoisten?&#8220;<\/p>\n<p>Ich halte Faust f\u00fcr notgeil, dachte Nuk, aber das sagte sie nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p>&#8222;Ganz sicher ist Faust ein Egoist!&#8220; antwortete Nuk und knuffte ihre Schwester heftig in die Rippen \u2013 also in die wallenden Gew\u00e4nder, unter denen sie deren Rippen vermutete. Sie brauchte jetzt Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>&#8222;Ganz bestimmt ist Faust ein Egoist!&#8220; echote Na mit einer unverd\u00e4chtigen M\u00e4dchenstimme. &#8222;Er sollte besser ein, naja, ein Besserer sein, das w\u00e4re bestimmt besser f\u00fcr das M\u00e4dchen. Was ist das Gegenteil von einem Egoisten?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das ist eine gute Einsch\u00e4tzung!&#8220; lobte die Lehrerin. &#8222;Und ein guter Alternativvorschlag! Das Gegenteil von einem Egoisten ist \u00fcbrigens ein Pluralist.&#8220; Sie l\u00e4chelte g\u00f6nnerhaft.<\/p>\n<p>&#8222;Wie bitte?&#8220; Na wollte es nicht glauben. &#8222;Das Gegenteil eines Egoisten ist ein Pluralist?&#8220;<\/p>\n<p>Der Lehrerin entging die elegante Genitivkonstruktion ebenso wie der Sarkasmus.<\/p>\n<p>&#8222;Ja, nat\u00fcrlich. Ego, das hei\u00dft auf lateinisch ich, ist also Singular. Plural ist die Mehrzahl. Wenn jemand also an die Allgemeinheit denkt, anstatt an sich, ist er ein Pluralist und kein Egoist. Pluralismus hei\u00dft, an andere denken.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Dieser Logik zufolge ist das Gegenteil eines Egoisten ein Nosist!&#8220; Na kicherte unkontrolliert, und das Gesicht der Lehrerin signalisierte Verst\u00e4ndnislosigkeit.<\/p>\n<p>&#8222;Alter!&#8220; grunzte Nuk aus tiefstem Eisb\u00e4renrachen. Ein paar Gesichter wandten sich ihr zu. Zoff mit einem Lehrer macht auch den m\u00fcdesten Sch\u00fcler munter.<\/p>\n<p>&#8222;Solche umgangssprachlichen T\u00f6ne sch\u00e4tzen wir an einem Gymnasium gar nicht!&#8220; tadelte die Lehrerin. &#8222;Wir legen hier Wert auf ein gewisses Niveau.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wissen Sie, was &#8218;alter&#8216; auf lateinisch hei\u00dft?&#8220; erkundigte sich Nuk zuckers\u00fc\u00df.<\/p>\n<p>Die Lehrerin versuchte, sich herauszuwinden: &#8222;Sie vergessen, dass wir hier im Deutschunterricht sind.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Entschuldigung, aber Sie haben mit Herleitungen aus dem Lateinischen angefangen, nicht ich.&#8220;<\/p>\n<p>Die P\u00e4dagogin wurde von dem deus ex machina gerettet, der in jeder Schule lauert, sich regelm\u00e4\u00dfig meldet und schon zahllose Lehrer davor bewahrt hat, sich v\u00f6llig zu blamieren: dem Stundengong. Sobald er ert\u00f6nte, erwachten alle 25 jungen Menschenkinder aus ihrer Lethargie, begannen zu schwatzen, packten ihre Sachen ein und schenkten dem Deutschunterricht und der Unterrichtenden keinerlei Beachtung mehr. Nanuk waren \u00fcberzeugt, dass sie &#8222;Faust&#8220; bereits erfolgreich vergessen hatten. Die Lehrerin schien sie nicht ungern ziehen zu lassen. Als dann aber auch die Zwillinge ihre Sachen packten, langsam und voller Unglauben, denn selbstverst\u00e4ndlich hatten sie eine Hausaufgabe erwartet, wurden sie aufgehalten. &#8222;Nuk Abdallahi, bleiben Sie bitte noch hier!&#8220;<\/p>\n<p>Widerstrebend lie\u00df Na ihre Schwester allein zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Lehrerin setzte sich hinter ihren Tisch und lie\u00df Nuk davor stehen. &#8222;Warum wollen Sie \u00c4rger mit mir?&#8220; fragte sie unvermittelt. &#8222;Vergessen Sie nicht, dass Sie an dieser Schule nur zur Probe aufgenommen worden sind. Sie sollten es sich mit Ihren Lehrern nicht verderben.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich m\u00f6chte keinen \u00c4rger mit Ihnen,&#8220; antwortete Nuk z\u00f6gernd. Sie w\u00e4gte ihre Worte wohl, denn sie hatte Angst, B\u00e4renleben durch zu ehrliche Ausk\u00fcnfte zu gef\u00e4hrden. &#8222;Na und ich werden auch nicht wiederkommen. Wir haben gehofft, hier etwas lernen zu k\u00f6nnen &#8211; intellektuell, meine ich. Das wird nicht der Fall sein. Allerdings haben wir etliche Erkenntnisse in Bezug auf schulische Gruppensoziologie gewonnen. Daf\u00fcr m\u00f6chte ich mich bedanken.&#8220;<\/p>\n<p>Die Lehrerin schien jetzt hellwach zu sein. &#8222;Wer sind Sie?&#8220; fragte sie scharf und stand auf.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin Nuk Abdallahi. Ich bin gl\u00e4ubig. Ich denke gerne. Ich gehe dahin zur\u00fcck, wo mein Denken gef\u00f6rdert wird.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;In den Dschihad?&#8220; Das Entsetzen war greifbar.<\/p>\n<p>Ach du dicke Tussi! dachte Nuk. Jetzt habe ich aber Robbenmist vom Feinsten gebaut! Die hysterische Tante schickt uns noch den Verfassungsschutz an den Hals.<\/p>\n<p>&#8222;Nat\u00fcrlich nicht.&#8220; fl\u00f6tete sie. &#8222;Mein Glaube steht in der Denktradition von Dsch\u00e2bir Ibn Zaid. Wir Ibaditen pflegen Toleranz und lieben den Frieden und die Wissenschaften. Wir setzen uns f\u00fcr das Wohl anderer ein. Wir sind Altruisten.&#8220;<\/p>\n<p>Sie hatte nicht zu dick aufgetragen, wie sie bef\u00fcrchtet hatte. &#8222;Wo liegt denn das Paradies, aus dem Sie stammen?&#8220; fragte die Lehrerin beeindruckt.<\/p>\n<p>&#8222;In der Ebene Albern <span style=\"font-size: 50%;\">(Anagramm f\u00fcr Baerenleben)<\/span>. Das ist ziemlich weit weg von hier. Deshalb muss ich jetzt auch schnell gehen. Vielen Dank f\u00fcr alles.&#8220;<\/p>\n<p>Nuk raffte ihre Gew\u00e4nder und st\u00fcrzte aus der T\u00fcr. Na stand auf dem Gang und wurde mitgerissen.<\/p>\n<p>&#8222;Ist was passiert?&#8220; fragte sie \u00e4ngstlich.<\/p>\n<p>&#8222;Ja. Nein.&#8220; Nuk kicherte nerv\u00f6s. &#8222;Wir sind entlassen und m\u00fcssen jetzt eilig in die Ebene Albern. Komm, ehe es die Tante sich anders \u00fcberlegt. Und ja: Vielleicht hat sie zugeh\u00f6rt und wei\u00df jetzt, was Faust anstelle eines Egoisten sein sollte.&#8220;<\/p>\n<p>September\/Oktober 2014 (nach einer wahren schulischen Begebenheit)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Was meinst Du &#8211; sollen wir nicht doch mal?&#8220; fragte Na. &#8222;Was sollen wir &#8218;doch mal&#8216;?&#8220; Nuk bem\u00fchte sich um H\u00f6flichkeit. &#8222;Manfred hat uns letztens geraten, wie er fr\u00fcher einmal in eine Menschenschule zu gehen &#8211; f\u00e4ndet du das nicht lustig? Es w\u00e4re ein tolles Abenteuer!&#8220; &#8222;Du spinnst! 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