{"id":132,"date":"2014-11-22T20:11:54","date_gmt":"2014-11-22T18:11:54","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=132"},"modified":"2017-03-07T17:52:55","modified_gmt":"2017-03-07T15:52:55","slug":"uno-oder-alleingang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/2014\/11\/uno-oder-alleingang\/","title":{"rendered":"UNO oder Alleingang"},"content":{"rendered":"<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baerdel3.JPG\" width=\"536\" height=\"573\" alt=\"B\u00e4rdel\"><\/div>\n<p>\nSchon seit geraumer Zeit waren B\u00e4rdel und Kulle bei ihrem Morgenspaziergang nur noch selten zu zweit. Manfred schloss sich ihnen an, wenn er sich aus dem Gewirr seiner Computerkabel befreien konnte, und mischte sich manchmal ins Gespr\u00e4ch ein. Del, der sehr junge B\u00e4r, war sehr wissbegierig und trabte mit, h\u00f6rte aber lieber zu. Und oft tollten Na und Nuk, die Eisb\u00e4renzwillinge, in ihrem unb\u00e4ndigen Bewegungsdrang um sie herum, was die Kinder nicht davon abhielt, sich eifrig am Gespr\u00e4ch zu beteiligen. Da alle selbstverst\u00e4ndlich bereits einen Blick in die wichtigsten nationalen und internationalen Zeitungen geworfen hatten, diskutierten sie oft aktuelle Ereignisse.\n<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle4.jpg\" width=\"440\" height=\"330\" alt=\"Kulle\"><\/div>\n<p>\nSo auch heute.\n<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/nanuk.jpg\" width=\"400\" height=\"300\" alt=\"Nanuk\"><\/div>\n<p>\nDie vorlaute Na konnte nat\u00fcrlich nicht abwarten, bis die Erwachsenen ein Thema angesprochen hatten. Sie platzte heraus:\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Also ich finde Onkel Barack ganz toll. 3000 Soldaten schickt er nach Liberia, um die b\u00f6se Ebola-Seuche zu bek\u00e4mpfen. Und den komischen Islamischen Staat will er auch besiegen, in Syrien und im Irak. Das macht er aber nicht mit Soldaten, sondern mit Flugzeugen.&#8220;\n<\/p>\n<p>\nDa Nuk nat\u00fcrlich nicht erlauben konnte, dass nur ihre ein paar Minuten nach ihr geborene Schwester sich \u00e4u\u00dferte, gab sie ihren Kommentar dazu:\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Gegen die IS gehen die USA nicht allein vor. Auch Frankreich und Gro\u00dfbritannien machen mit, sogar Dehland!&#8220;\n<\/p>\n<p>\nDa weder B\u00e4rdel noch Kulle den Anschein erweckten, dazu Stellung nehmen zu wollen, bohrte Del kaum merklich nach: &#8222;Ich habe das auch alles gelesen, aber ich wei\u00df nicht, was ich davon halten soll.&#8220;\n<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/del.jpg\" width=\"400\" height=\"300\" alt=\"Del\"><\/div>\n<p>\n&#8222;Ist doch ganz einfach zu bewerten,&#8220; knurrte Kulle. &#8222;Es war schon immer die ureigenste Bestimmung von Soldaten, Krankheiten zu besiegen. \u00c4rzte w\u00e4ren dabei v\u00f6llig fehl am Platz. Wie man wei\u00df, ist es deren Beruf, feindliche \u00c4rzte zu t\u00f6ten.&#8220;\n<\/p>\n<p>\nB\u00e4rdel knuffte Kulle in die Seite, aber es war schon zu sp\u00e4t. Na schaute erst verdutzt, aber dann lie\u00df sie den Kopf h\u00e4ngen. Nuk war sofort an ihrer Seite. Zwar stellte sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ihre eigene \u00dcberlegenheit zur Schau, aber wenn Na traurig war, kam sie sofort, um sie zu tr\u00f6sten.\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Du musst das nicht so tragisch nehmen, kleine Na!&#8220; B\u00e4rdel versuchte es mit Worten. &#8222;Du kennst doch Deinen Onkel Kulle! Manchmal hat er Messer im Mund anstatt von Z\u00e4hnen. Seine Worte k\u00f6nnen dann sehr verletzen.&#8220;\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Aber&#8230;&#8220; Na versuchte, sich zu fassen. &#8222;Aber ich habe nicht nur die Meldungen in der Zeitung gelesen, sondern auch die Kommentare dazu. Alle Journalisten finden es gut, dass der amerikanische Pr\u00e4sident energisch geben Ebola vorgehen will.&#8220;\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Kein Wunder! Vor Seuchen haben alle Menschen Schiss. Bei Epidemien begr\u00fc\u00dfen sie jeden Aktionismus dagegen, auch wenn die Aktionen ungeeignet sind. Sogar die Djihadisten vom Islamischen Staat finden das vermutlich gut, auch wenn sie es nie laut sagen w\u00fcrden. Au\u00dferdem ist jeder GI, der gegen Ebola eingesetzt wird, ein GI weniger, der gegen sie k\u00e4mpfen kann.&#8220; Kulle hatte sich beruhigt und war f\u00fcr seine Verh\u00e4ltnisse jetzt richtig sanft.\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Aber gegen den IS werden doch keine Soldaten eingesetzt!&#8220; Obwohl Na zum Heulen war, gab sie nicht auf.\n<\/p>\n<p>\nKulle, der selbst den dicksten B\u00e4rensch\u00e4del hatte, den man sich denken kann, imponierte ein nicht allzu dummer Dickkopf bei anderen. &#8222;Ah ja, keine Soldaten, sondern Flugzeuge. Und wer steuert die? Wer wirft die Bomben ab? Und die Raketen?&#8220;\n<\/p>\n<p>\nWieder sprang Nuk ihrer Schwester zur Seite: &#8222;Onkel Kulle, ich haben gelesen, die USA k\u00e4mpfen mit Drohnen. Da sind keine Soldaten drin.&#8220;\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Stimmt! Aber Soldaten spielen schon eine Rolle: Die Drohnen m\u00fcssen ferngesteuert werden. Die Soldaten, die das tun, sitzen \u00fcbrigens oft in Ramstein in Dehland. Sie steuern die Drohnen gegen Menschen, die vermutlich Terroristen sind. Bewiesen ist das aber nicht, und oft kommen Unschuldige dabei um. Wenn man dar\u00fcber nachdenkt, stellt man fest, dass es sich um Mord handelt.&#8220;\n<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/manf.jpg\" width=\"400\" height=\"300\" alt=\"Manfred\"><\/div>\n<p>\n&#8222;Mord?&#8220; Jetzt mische sich Manfred ein. &#8222;Mord? Ist das nicht zu streng geurteilt? Im Krieg&#8230;&#8220;\n<\/p>\n<p>\nBevor Kulle wieder explodieren konnte &#8211; und B\u00e4rdel sah ihm an, dass er kurz davor war &#8211; lenkte er ab: &#8222;Seht mal, hier sind noch Brombeeren! Ja, Krieg &#8211; fr\u00fcher hatten die Menschen daf\u00fcr Regeln, selbst f\u00fcr den Krieg, in dem alle Regeln des normalen Lebens au\u00dfer Kraft gesetzt werden. Kriege wurden zwischen Staaten gef\u00fchrt, und die Staaten erkl\u00e4rten einander den Krieg. Heute ist alles durcheinander. Die Amerikaner behaupten, sie seien im Krieg gegen den Terrorismus, also ist es gerechtfertigt, Feinde zu t\u00f6ten. Kulle sieht das anders, wie wir geh\u00f6rt haben. Man kann lange dar\u00fcber streiten, wer Recht hat.&#8220;\n<\/p>\n<p>\nKulle murrte leise. belie\u00df es aber dabei. Alle machten sich \u00fcber die Brombeeren her, sogar die Eisb\u00e4ren.\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Wer darf denn bei den Menschen dar\u00fcber urteilen, ob andere Menschen get\u00f6tet werden d\u00fcrfen?&#8220;\n<\/p>\n<p>\nNuk wollte das wissen.\n<\/p>\n<p>\nManfred schluckte eine leckere Brombeere herunter, r\u00e4usperte sich und erkl\u00e4rte: &#8222;Wie Ihr wisst, bin ich mal in eine Menschenschule gegangen. Dort habe ich gelernt, dass kein Mensch einem anderen Menschen das Leben nehmen darf. Das ist jedenfalls in Dehland die offizielle Meinung. Es ist allerdings merkw\u00fcrdig, dass Dehland der drittgr\u00f6\u00dfte Waffenexporteur der Welt ist. Irgendwas passt da nicht zusammen. Au\u00dferdem gibt es angeblich &#8222;gerechte Kriege&#8220;. Wenn ein Land angegriffen wird, darf es sich verteidigen, das gilt als gerechtfertigt. Eigentlich soll aber kein Land ein anderes angreifen, und um das zu verhindern, gibt es die Vereinten Nationen. Das ist eine internationale Organisation, in der fast alle Staaten Mitglieder sind. Das h\u00f6chste Ziel dieser Organisation ist die Wahrung des Weltfriedens. Wenn es nicht anders geht, d\u00fcrfen die Vereinten Nationen den Weltfrieden mit milit\u00e4rischen Mitteln wiederherzustellen versuchen. &#8220;\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Aha!&#8220; kommentierte Nuk trocken. B\u00e4rdel freute sich \u00fcber ihre Reaktion, aber Manfred hatte nicht verstanden, was sie sagen wollte.\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Wieso &#8218;aha&#8216;?&#8220;\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Bei Tante Atti habe ich gelernt, dass &#8218;aha&#8216; eine Interjektion des Triumphs, der Verwunderung, des Spotts, der Verachtung, der Ironie und noch manch anderer Bedeutung sein kann, je nach der Intonation des Sprechers. Mein &#8218;aha&#8216; war komplex und enthielt Spott, Verachtung und Ironie.&#8220;\n<\/p>\n<p>\nKulle wiegte anerkennend den Kopf, hielt sich aber hinter Manfreds R\u00fccken.\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Ach so! Du wunderst Dich noch \u00fcber die Menschen und ihre Schizophrenie. Ich nicht mehr. Vielleicht solltet Ihr auch mal eine Menschenschule besuchen&#8230;&#8220;\n<\/p>\n<p>\n&#8222;Nein, danke, Onkel Manfred! Wir sind mit dem Unterricht von Tante Atti und Onkel Kulle sehr zufrieden,&#8220; sagten Nanuk im Chor. Und Na fuhr fort: &#8222;Aber wenn die Menschen glauben, dass nur die Vereinten Nationen legitim Waffengewalt anwenden d\u00fcrfen, warum sind dann so viele begeistert davon, dass Onkel Barack &#8211; also dass der amerikanische Pr\u00e4sident das macht?&#8220;\n<\/p>\n<p>\nB\u00e4rdel dachte:\n<\/p>\n<p>\nWeil Menschen immer Idolen nachlaufen.\n<\/p>\n<p>\nWeil der Friedensnobelpreistr\u00e4ger Obama vielen immer noch eine Ikone ist.\n<\/p>\n<p>\nWeil manche Menschen in der westlichen Welt Angst daf\u00fcr haben, dass ehemalige IS-K\u00e4mpfer mit der eigenen Staatsb\u00fcrgerschaft aus dem Krieg zur\u00fcckkehren und im eigenen Land weiterbomben.\n<\/p>\n<p>\nDel dachte:\n<\/p>\n<p>\nAuf die Antwort bin ich gespannt.\n<\/p>\n<p>\nKulle dachte:\n<\/p>\n<p>\nWeil die UN handlungsunf\u00e4hig sind. Die Blockade im Sicherheitsrat ist schlimmer als zu Zeiten des Kalten Krieges.\n<\/p>\n<p>\nWeil die Menschen die Schrift an der Wand nicht lesen k\u00f6nnen.\n<\/p>\n<p>\nWeil die Geschichte der Menschen lehrt, dass sie die Menschen nichts lehrt.\n<\/p>\n<p>\nManfred dachte:\n<\/p>\n<p>\nWeil die T\u00fcrken schon zweimal vor Wien standen und das christliche Abendland bedroht haben.\n<\/p>\n<p>\nNuk dachte:\n<\/p>\n<p>\nWeil die Menschen komisch sind.\n<\/p>\n<p>\nB\u00e4rdel sagte: &#8222;Weil die Menschen den Glauben an das Gute nie verlieren, selbst wenn sie das B\u00f6se tun.&#8220;\n<\/p>\n<p>\nSprach&#8217;s und labte sich an der letzten Beere, die er in der Pranke hielt.\n<\/p>\n<p>\nSeptember 2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon seit geraumer Zeit waren B\u00e4rdel und Kulle bei ihrem Morgenspaziergang nur noch selten zu zweit. 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